Wenn ich gefragt werde, was eigentlich den durchschnittlichen Deutschen auszeichnet, habe ich stets eine sehr genaue Vorstellung: Nicht die angebliche Ordnungsliebe und schon gar nicht Bier und Lederhosen, nein: Die Vorliebe für das Jammern, Nörgeln und sich-beschweren charaktisieren den durchschnittlichen Bundesbürger.
Als hätte es noch eines weiteren Beweises für meine These bedurft, hatte ich gestern noch ein interessantes Erlebnis mit einer Bahnreisenden. Ich wollte eigentlich mit der Regionalbahn von Oldenburg nach Bremen fahren, aber aufgrund einer nicht näher beschriebenen technischen Störung verzögerte sich die Abfahrt um einige Minuten. Während der Zug sich also noch - außerplanmäßig, wohlgemerkt! - im Bahnhof aufhielt, hetzte noch eine etwas schicker gekleidete Reisende heran, die das Glück hatte, ihren Zug überhaupt noch vorzufinden. Nachdem sie eingestiegen war, stand sie da nun, offenbar irritiert, daß sich die Abfahrt noch weiter hinzog. Nach einigen Minuten ging sie zu dem Mann von der Sicherheit…
[Kleiner Einschub: Seit wann werden unsere Züge eigentlich von Security begleitet? Haben in letzter Zeit häufiger irgendwelche Delm..., ich meine natürlich jugendliche Schwarzfahrer... randaliert, wenn sie erwischt wurden?]
Also: Die Dame ging also zum Sicherheitsmenschen und fragte ihn, wann es denn weiterginge. Natürlich wußte er es nicht, denn das ist nicht sein Job. Er verwies allerdings höflich an den Zugbegleiter, der gerade nähere Informationen einholte.
Diese Auskunft genügte der Dame offenbar nicht. Sie müsse wissen, ob es denn bald losginge, sie müsse pünktlich in Bremen eintreffen, weil ihr Anschlußzug doch neun Minuten später abfahren würde. Es könne doch nicht angehen, daß sie aufgrund dieser Verspätung ihren Zug nicht bekommen würde! Nach dem dritten Anlauf wurde es dem Sicherheitsolli dann doch zu bunt und er bemerkte immer noch höflich, aber bestimmter als vorher, daß die Reisende, wäre die Regionalbahn pünktlich nach Fahrplan abgefahren, schon diesen Zug gar nicht mehr bekommen hätte! Das Problem blieb also das selbe, Unglück im Glück sozusagen.
Aber das habe ich gern: Selbst wenn man unverschuldet - oder auch nicht - Opfer der Umstände wird, muß man doch nicht gleich Leute anmachen, die am wenigsten für die Situation können. Aber Hauptsache, man kann sich beschweren. Ähnliches erlebt man ja gern mal im Supermarkt (Ihr wißt schon, die von der billigen Sorte). Ab und an ist die Schlange vor der Kasse mal kilometerlang und das ist ärgerlich. Die Discounter sind auch deshalb so billig, weil am Personal gespart wird, daher gibt es dann ab und an mal einen Engpaß zu Stoßzeiten. Ich finde, das muß man einkalkulieren. Viele sind anderer Meinung und nörgeln lauthals herum, das geht dann von “…weitere Kasse aufmachen…” bus zu “…kaufe hier nie wieder!”
So, und wer beschwert sich am lautesten? Alleinerziehende Mütter, die zwischen Kinder abholen und zur Arbeit hetzen noch schnell was einkaufen wollen? Komischerweise nicht. Stattdessen erlebe ich dieses Verhalten meist bei Rentnern und… ähem… ziemlich abgerissenen Leuten mit Kornflasche im Einkaufswagen. In so einer Situation fehlen einem meist erstmal die passenden Worte. Sowas wie: “Was ist Ihr Problem, verpassen sie gerade einen wichtigen Geschäftstermin?”
Also, lieb sein zu den Mitmenschen!
Share/Save